Geschichte der Gemeinde Tschiertschen-Praden
Die Gemeinde Tschiertschen-Praden besteht seit dem 1. Januar 2009. Sie ist aus der Fusion der beiden heutigen Fraktionen Tschiertschen und Praden hervorgegangen. Ein geschichtlicher Überblick über die beiden Fraktionen:
Fraktion Praden
Name und Lage
Der Name Praden ist vom Lateinischen pratum = Wiese abgeleitet. Er ist in Graubünden in verschiedenen romanischen Ableitungen als Flurname recht verbreitet. Urkundlich ist der Name 1409 (ze dem yndren praden) erstmals erwähnt. Im Laufe der Zeit wechselte der Name mehrmals zwischen Praden und Prada. Praden liegt im vorderen Schanfigg auf der linken Talseite. Das Gemeindegebiet wird durch zwei Tobeleinschnitte begrenzt; im Westen durch das Steinbachtobel, im Osten durch den Pajüel- oder Büelbach. Vom Flusslauf der Plessur auf rund 700 m ü. M. steigt das Gemeindeterritorium bis auf ca. 2050 m ü. M. auf der Jochalp.
Entsprechend seiner Entstehung als typische Walser Streusiedlung bildet Praden keine geschlossene Siedlung und hat heute eher den Charakter eines Strassendorfes. Die beiden Dorfteile Inner- und Usserpraden sind durch das Sagentobel getrennt. In Innerpraden findet sich aber "bin da Hüscher" doch eine Art Dorfkern. Hier sind Kirche, Schulhaus, Post und Gemeindekanzlei. Das Dorf liegt auf einer Höhe zwischen 1135 und 1230 m ü. M.
Siedlungsgeschichte
Wann sich die ersten Menschen in Praden niederliessen ist ungewiss. Es wurden bis heute keine Funde gemacht, die auf eine Besiedlung in römischer oder noch früherer Zeit schliessen lassen. Dagegen ist gesichert, dass Praden schon vor der Ansiedlung der ersten Walser um 1300 von Romanen bewohnt war. Im 14. und 15. Jahrhundert erfolgte die Einwanderung von Walsern von Langwies her, welche Lehen vom Kloster St. Luzi und vom Domkapitel in Chur erhielten. Die Verbindung zur Mutterkolonie Langwies blieb erhalten, indem Praden politisch und rechtlich bis 1851 dem Gericht Langwies angehörte.
Wirtschaft
Entsprechend der Höhenlage und der Topographie bildete stets die Viehhaltung die Existenzgrundlage der Menschen in Praden, wobei die Schaf- und Ziegenhaltung früher viel grössere Bedeutung hatte. Zur Selbstversorgung wurde bis nach dem 2. Weltkrieg auch ein bescheidener Ackerbau betrieben. Angebaut wurden Gerste, Roggen, Buchweizen, Hülsenfrüchte, Hanf und später natürlich Kartoffeln. Die Pradner Kirschen müssen einst geschätzt und bekannt gewesen sein und in Chur ihre Abnehmer gefunden haben. Noch heute ist der Chriesisunntig, welcher etwa alle zwei Jahre zur Zeit der Kirschenreife (in Praden erst Ende Juli) stattfindet, das Pradner Dorffest. Ein eigenständiges Handwerk hat es in Praden nie gegeben. Alle waren Bauern. Schreiner- und Zimmermannsarbeiten wurden von den Bauern selbst ausgeführt. Auf der Gemeindesäge konnte jeder seinen Bedarf an Balken und Brettern decken. Beim Haus- und Stallbau halfen sich die Nachbarn gegenseitig. Die meisten landwirtschaftlichen Geräte aus Holz wurden selbst hergestellt. Die Verarbeitung von Wolle und Hanf war Aufgabe der Bäuerin.
Mehr als die Hälfte des Gemeindeterritoriums ist Wald, der seit jeher fast gänzlich in öffentlichem Besitze war. Immer wieder wurden Waldordnungen erlassen, die den Wald vor Übernutzung schützen sollten. Bis in jüngerer Zeit war der Wald eine bedeutende Einnahmequelle für die Gemeinde und bot den Bauern im Winter ein willkommener Nebenverdienst. Holz aus den Schanfiggergemeinden wurde bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf der Plessur nach Chur geflösst. Die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung war, (wie auch aus alten Vermögensrodeln hervorgeht) äusserst bescheiden. Die durchwegs sehr kleinen Bauernbetriebe vermochten oft nicht alle Bewohner zu ernähren, was schon früh auch zur Abwanderung führte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind nachweislich 25 Personen nach Amerika ausgewandert.
Bevölkerungsentwicklung
Nach Abschluss der Ansiedlung durch die Walser (ca. um 1500) ist die Bevölkerungszahl ungefähr konstant geblieben (in alten Urkunden sind die Haushalte einzeln aufgeführt, so dass ungefähr auf die Bevölkerung geschlossen werden kann). Bis 1900 dürfte die Zahl stets etwa zwischen 120 und 150 Einwohnern geschwankt haben. Nach 1960 erfolgte ein Einbruch, so dass man 1980 nur noch 51 Einwohner zählte. Dank verschiedener Massnahmen der Gemeinde, welche den Zuzug neuer Einwohner fördern sollten, ist die Zahl heute wieder auf 115 angestiegen.
Namen der Bürger, die 1854 beim Einkauf in den Kreis Churwalden erwähnt werden sind: Bircher, Clement, Clemenz, Christoffel, Gerber, Jenni, Lorenz, Lys.
Kirche
Bis zur Reformation gehörten Praden und Tschiertschen zur Pfarrei St. Georg in Castiel. Dies auch noch nachdem in Tschiertschen 1405, wohl wegen des beschwerlichen Wegs über die Plessur nach Castiel, eine eigene Kapelle gebaut wurde. Zur eigenen Kirche ist dann Praden auf recht ungewöhnlichem Wege gekommen. Während in Chur (1629) die Pest wütete, flohen angesehene, reiche Churer Bürger mit ihren Familien nach Tschiertschen. Als es dann auch in Praden Pesttote gab, wollten diese Churer aus naheliegenden Gründen verhindern, dass die Pradner, wozu sie das Recht gehabt hätten, ihre Toten in Tschiertschen bestatteten. Die reichen Churer übergaben Praden Geld, damit sie ihre Toten anderswo begraben würden. Als sich die Todesfälle mehrten, entschloss man sich dann zum Bau einer eigenen Kirche mit dem Churer Geld. 1642 war die Kirche als einfacher, nach Osten ausgerichteter Bau auf rechteckigem Grundriss fertiggestellt. Obwohl die Pradner nun ihre eigene Kirche hatten, teilten sie bis heute ihren Pfarrer mit Tschiertschen. 1958 wurde die Kirche renoviert und besonders der Turm in seiner äusseren Erscheinung relativ stark verändert. Fünfundzwanzig Jahre später dann, wurden diese Veränderungen wieder rückgängig gemacht, so dass sich die Kirche heute wieder in einem ursprünglicheren Zustande zeigt.
Besonders bemerkenswert ist die Orgel, welche zumindest in ihrer Grundsubstanz, die älteste Kirchenorgel Graubündens ist. Erst anlässlich der Restauration 1997 entdeckte der Orgelbauer Arno Caluori im Innern einer Pfeife folgende Innschrift: Aaron Rieckh Orgelmacher Anno 1636 ist dieses Orgelwerk gemacht worden dem Herrn Domdekan Michel Humelberg. Aaron Rieckh stammt aus Süddeutschland und hat auch Arbeiten an der Orgel der Martinskirche in Chur ausgeführt. So dürfte er sich wahrscheinlich in Chur aufgehalten haben, als er dem Domdekan eine Hausorgel baute. Es handelt sich um ein Positiv mit fünf Registern und insgesamt 245 Pfeifen. Auf den Flügeltüren finden sich zwei Gemälde eines unbekannten Malers: König David mit der Harfe und ein posaunenblasender Engel. Die Kirchgemeinde Praden hat die Orgel im Jahre 1900 von Orgelbauer J. Metzler erworben.
Schule
Die ersten Bestrebungen eine Schule einzurichten gehen ins 18. Jahrhundert zurück. Verschiedenste Vermächtnisse an Bargeld und Gütern in den Schulfonds sind belegt. Die Schuldauer beschränkte sich noch auf wenige Wochen im Winter und Schule gehalten wurde in einem Privathaus. Erst 1847 übernahm die Gemeinde von einem Amerikaauswanderer das Wohnhaus, um dieses für das nächste halbe Jahrhundert als Schulhaus zu benutzen. 1903 konnte das heute noch bestehende und benutzte Schulhaus bezogen werden. Anfangs der Achtzigerjahre wurde es einer Gesamtrenovation unterzogen und 1992 erfolgte ein Erweiterungsbau. Ab1970 bestand ein Schulverband mit Tschiertschen, wobei vorerst in beiden Gemeinden je eine Abteilung der Primarschule geführt wurde. Infolge rückläufiger Schülerzahlen wurde anfang des 21. Jahrhunderts wieder eine Gesamtschule in Tschiertschen eingeführt. Mit der Fusion Tschiertschen-Praden wurde der Schulbverband Ende 2008 überflüssig und aufgelöst.
Die Oberstufe muss in Chur besucht werden. Der Kindergarten wird in Passugg-Araschgen geführt.
Neuere Zeit
Wie in allen Bergbauerngemeinden hat auch in Praden, etwa in den letzten dreissig Jahren, ein rasanter Strukturwandel stattgefunden. Heute gibt es noch drei Landwirtschaftsbetriebe (gegenüber 15, 1961). Ausserhalb der Landwirtschaft haben heute, mit wenigen Ausnahmen, die meisten Erwerbstätigen ihren Arbeitsplatz in Chur.
Noch vor rund zwanzig Jahren bestand ein grosser Nachholbedarf bezüglich Infrastruktur, der bis heute jedoch weitgehend aufgeholt werden konnte. Zunächst wurden Lawinenverbauungen errichtet. Dann Wasser- und Elektrizitätsversorgung wesentlich verbessert, das Schulhaus erweitert, ein Neubau für Post und Gemeindekanzlei errichtet, ein Werkhof mit Feuerwehrmagazin erstellt, Forststrassen gebaut und Alpgebäude saniert. Die Abwasserleitung in die Kläranlage Chur ist vollendet, ebenso ein sogenanntes Wald-Weideausscheidungs-Projekt.
Erwähnenswert sind die Bemühungen der Gemeinde, Neuzuzüger zu gewinnen. Die durch die Gemeinde initiierte Baulandgenossenschaft konnte und kann günstiges Bauland für Jahresbewohner zur Verfügung stellen. Die wenigen gemeindeeigenen Wohnungen werden entsprechend vermietet.
Glücklicherweise sind trotz dieser Entwicklung hin zur Moderne in Praden die alte Bausubstanz und das ursprüngliche Ortsbild in bemerkenswerter Weise erhalten geblieben.
(Quelle: Valentin Jenny: Praden, Geschichte einer Bündner Bauerngemeinde, Schiers 1983)
Fraktion Tschiertschen
Der Zeitpunkt der ersten Besiedelung in Tschiertschen ist nicht bekannt. Funde auf der anderen Talseite des Schanfiggs weisen Spuren einer Landnahme bis in die Bronzezeit nach. Es besteht die Möglichkeit, dass die beiden Hügel des Dorfes, "Büel" und "Tumabüel" genannt, Überreste urgeschichtlicher Bewohner bergen. Wahrscheinlicher erfolgte eine erste Besiedelung durch die Romanen im Mittelalter. Erstmals erwähnt wurde das Dorf zwischen 769 und 800 mit einem nach St. Hilarius bei Chur abgabepflichtigen Acker: " ... agrum in Cercene modios II, confinat da una parte in Bannentes". Zu den Gründern des Dorfes gehörte eine relativ kleine Anzahl von romanischen Siedlern, welche von Anfang an Ackerbauwirtschaft einführten und dem Flurnamenbild das eindeutig romanische Gepräge verlieh.
Früh gelangte Tschiertschen in den Besitz des Prämonstratenser-Klosters Churwalden, welches 1164 durch die Mönche in St. Luci bei Chur mit Unterstützung der Vazer Dynasten errichtet wurde. Um 1300 erfolgte die Ansiedlung der Walser auf Gemeindegebiet durch das Kloster St. Luci, welche von der Stammkolonie Davos aus über den Strelapass das Schanfigg erreichten. Dies führte auch zu einer ersten Siedlung in Praden. Auf sichere Walserpräsenz in Tschiertschen ab 1473 lassen die Erblehensbriefe des Grafen Gaudenz von Metsch schliessen. Obwohl dem Gericht von Churwalden unterstellt, gehörte Tschiertschen kirchlich zur Talkirche Castiel. Bereits 1405 wurde eine Kapelle erwähnt und 1438 die Kirche mit Doppelpatrozinium St. Jakob und Christoph und Friedhof. Eine Abtrennung von der Kirche Castiel erfolgte erst zur Reformationszeit um 1550. Der Übertritt zum neuen Glauben soll friedlich und auf Gemeindebeschluss erfolgt sein.
Im Jahre 1892, als noch keine Strasse nach Tschiertschen führte, kamen die ersten erholungsbedürftigen Fremden nach Tschiertschen. Sie wurden in der Pension Engi-Lorenz sowie bei Frau Engi-Jenny, zwei einfachen Bauernhäusern, zu bescheidenen Preisen (Tagespension Fr. 2.50) gastfreundlich aufgenommen. Schnell verbreitete sich der Ruf Tschiertschens als Höhenkurort dank seiner geschützten Lage und seiner besonders günstigen klimatischen Verhältnisse. Bereits zwei Jahre später entstand die Pension Brüesch als Vorläuferin des heutigen Hotels Gürgaletsch sowie die Pension Jäger im Unterdorf mit ca. 20 Betten damals die größte Gaststätte. Mit diesen vier Häusern war der Grundstein zum Kur- und Ferienort Tschiertschen gelegt. Einen weiteren Impuls für den Tourismus gab 1895 nach dreijähriger Bauzeit die Übergabe der ersten schmalen Strasse von Passugg nach Tschiertschen an den Verkehr. In den kommenden Jahren folgte die Eröffnung von weiteren Pensionen, Gaststätten und Hotels, namentlich zu erwähnen sei hier das heute größte Haus, das Hotel Alpina, im Jahre 1897. Dies führte 1898 auch zur Gründung des Kurvereins mit dem Ziel, durch gezielte Werbung den Fremdenverkehr zu fördern. 1902 wurde gleichzeitig mit der Eröffnung des Gasthauses Central im gleichen Haus die erste Bäckerei mit Kolonialwaren eingerichtet.
Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Geh- und Fahrversuchen mit Skis unternommen. Den Anstoß für die Weiterentwicklung des Skisports in Tschiertschen gab die Gründung des Skiclub Tschiertschen im Jahre 1916. Im Februar desselben Jahres fand das erste Abfahrtsrennen ab Furgglis statt. Mit der offiziellen Werbung für den Wintersport begannen 1922/23 die beiden Häuser Hotel Jäger, mit dem damaligen Besitzer Hans Meier sowie die Pension Erika, geführt von Jakob Wiesner, der vor seinem Haus eine Eisbahn unterhielt und mit seinen treuen Gästen sogar einen Schlittenclub mit spez. Schlittenbahn gründete. Gleichzeitig wurde auch der Skiunterricht organisiert, was bald zur Eröffnung einer kleinen Privatskischule führte. Der größte Fortschritt im Bereich des Wintersports in Tschiertschen fand 1952 mit der Gründungsversammlung der Skiliftanlagen Tschiertschen AG und der Eröffnung des ersten Skiliftes vom Dorf bis zum Waldstafel statt, der später bis zum Bergrestaurant Hühnerköpfe verlängert wurde. Heute zählt das Skigebiet von Tschiertschen zwei Skilifte sowie zwei Sesselbahnen. Die letzteren wurden am 15. Dezember 2001 zu Beginn der Wintersaison 2001/2002 feierlich eingeweiht und in Betrieb genommen. Sie dienen als Ersatz für den langen Hühnerkopflift, der aufgrund seines Alters und seiner Länge (über 2km) den Sicherheitsbestimmungen nicht mehr genügte. Die 1. Sektion der Sesselbahn führt von der Talstation Runcs bis zum Waldstafel, die zweite von Spinezman bis auf eine kleine Fläche oberhalb des Restaurants Hühnerköpfe, früher "Reckholderböden" genannt.
Neben der touristischen Erschließung wurden bis heute in der Gemeinde auch zahlreiche andere Projekte realisiert. Während der Meliorationszeit, die 1998 abgeschlossen werden konnte, sind zahlreiche Wald- und Güterstrassen sowie Infrastrukturanlagen für die Landwirtschaft entstanden. Im 1999 wurde zusammen mit den Gemeinden St. Peter, Pagig und Molinis auf der Alp Farur ein neuer Alpstafel erstellt, in dem während der Sömmerungszeit Käse hergestellt wird. Im Gebiet "Blaggtenwuoscht" unterhalb des Gemeindehauses ist ein Postautowendeplatz mit einer unterirdischen Zivilschutzanlage entstanden. Früher mussten die Postautos auf dem engen Dorfplatz vor der Post rangieren. Zudem wurde die Kantonsstrasse innerorts saniert und mit einem Trottoir versehen. Heute gibt es in der Gemeinde noch vier Landwirtschaftsbetriebe. Die Haupteinnahmequelle der Erwerbstätigen besteht aus dem Tourismus, wovon auch die wenigen ortsansässigen Unternehmer abhängig sind. Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten Jahren, abgesehen von saisonalen Schwankungen, nicht wesentlich verändert.








